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 Demütigung und Entwürdigung

In den Geschichtsbüchern sah ich die heruntergekommenen Menschen mit den eingefallenen Gesichtern. Sie sahen sehr hungrig aus, ohne Hoffnung. Sie trugen ein Schild: "Nehme jede Arbeit an." Sie waren billig zu haben, Pfennigartikel.

Ich sah ihnen an, daß sie nicht nur arm waren, sondern, schlimmer: gedemütigt. Die Fotos stammen aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus, der es verstand, die Entwürdigten zu benutzen, um andere, die Juden, die Kommunisten, die vielen Völker Europas zu unterwerfen, für Gottseidamk nur ziemlich kurze Zeit zu demütigen. Viele aber wurden ermordet. Vieles wurde zerstört, auch in den Menschen. Das alles wirkt heute noch fort.

Die Demütigung der Menschen ist der Gipfelpunkt triumphaler, übermütiger Herrschaft. Am mächtigsten ist, wer die Lebensgrundlagen der Menschen, die unter ihm stehen, gar erst derer, die überflüssig geworden sind, am konsequentesten zerstören kann. Die Annahme jeder Arbeit, die vor 80 Jahren der Zerlumpte noch "freiwillig" anbot, haben Wirtschaft und Politik für die Arbeitslosen heute angeordnet. Ihnen ist alles zumutbar. Die Entwürdigung wird staatlich verfügt.

Während eine Mutter in einem Leserbrief beklagt, wie durch die fortwährende Teuerung bei gleichzeitigem Lohnstillstand ihr Leben immer schwerer wird, salbadert der Chefredakteur meines Provinzblattes in einem Leitartikel: Demographische und globale Fakten, größtes sozialpolisches Reformwerk usw. Das übliche große Blablabla. Sprechblasen, mit dem Anspruch christlich-humanistischer Bildung verfärbt.

Die Mächtigen in den westlichen Gesellschaften können ihren Triumph nicht offen zur Schau stellen. Das verbietet die demokratische Etikette, das verbieten die westlichen "Werte". Die meisten von ihnen dürfen sich den Genuß ihrer Macht nicht einmal selbst eingestehen. Sie müssen die Entwürdigung der anderen als Sachzwang, als unvermeidbar im Lauf der Welt, wie sie nun mal ist, darstellen.

Sie müssen sich der Mutter haushoch überlegen fühlen, die darüber klagt, daß sie mit dem Haushaltsgeld bald nicht mehr auskommt. "Ich verstehe Sie ja, gute Frau, aber bedenken Sie: die Globalisierung!" Und er versteht natürlich nichts, so wie er da steht, ohne jedes Mitgefühl.

Wer die Würde verliert, ist leicht verfügbar, kalkulierbar für den Betrieb, für den Staat, ein gern gesehener "Mitarbeiter" und "mündiger Bürger". Daß das Spiel mit der Würde der Menschen gefährlich ist, zeigt der Nationalsozialismus. Aber die Mächtigen brauchen nun einmal die anderen, mit denen sie alles machen können. Dabei kalkulieren sie auch ganz kalt die Zerstörung der Menschen und der Gesellschaft als Betriebsunfall ein. Das werden sie uns natürlich nicht sagen, nur, daß sie die Retter sind.

In manchen Fernsehfilmen über den Irak oder Afghanistan sehe ich, wie die US-amerikanischen Besatzer die Befreiten behandeln. Sie gehen überheblich und instinktlos über alle ihre Gebräuche, über ihre Würde hinweg. So verhalten sich Menschen, die selbst ohne jede Würde sind, Menschen unserer westlichen Welt.

In seinem Buch "Jenseits von Freiheit und Würde" verfocht der amerikanische Psychologe B.F.Skinner einen Verzicht auf diese beiden Werte, da sie zur Selbstzerstörung führen würden. Er schlug eine Verhaltens-Technologie vor.

Lebte er noch, er könnte sich über die fortgeschrittene Verwirklichung seiner Vorstellungen durch die Wirtschaftsbosse, die Politiker, die großen Medienkonzerne, aber auch die popeligste Provinz-Zeitung freuen.