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 Florian Gerster:

Das Ende einer neoliberalen Bilderbuch-Karriere

 

Das Dauerhafteste an heutigen Karrieren sind die Vorschuß-Lorbeeren. Der smarte Jung-Manager mit der großen innovativen Vision, der in allen Illustrierten und Talkshows auftritt, ist nächstes Jahr pleite. Länder, die gestern als Vorbild für Deutschland hingestellt wurden, wie z.B. Japan oder die "Tigerstaaten", haben sich heute gönnerhafte Bemerkungen anzuhören, wie sie denn nach Ansicht der Wirtschaft-Gurus ihre Finanzen in Ordnung bringen können.

Der blasse Florian Gerster, eines der Wunderkinder Schröders, war vor ungefähr 2 Jahren der große Star. Der Mann, der mit Hilfe der Arbeitsämter möglichst viele Arbeitslose aus dem Bezug von Leistungen und aus der Statistik drängen, der dafür sorgen soll, daß die Langzeit-Arbeitslosen auf das Existenz-Minimum herabgedrückt werden, verdoppelte erst einmal sein Gehalt. Die Unempfindlichkeit gegenüber dem Schicksal anderer und die rührende Sorge um das eigene Fortkommen und Wohlergehen sind eine wesentliche Voraussetzung für einen solchen Job. Am meisten nutzt Florian Gerster natürlich den Arbeitgebern, indem er mithilft, den sogenannten Faktor Arbeit zu verbilligen. Damit sind im Manager-Funktionärs-Deutsch die arbeitenden Menschen gemeint.

Daß Gerster eine Desinformations-Kampagne starten will, um seine Behörde modisch als "moderne Dienstleistungs-Agentur" zu verkleiden, gehört zu seinem Geschäft. Von der Verelendung durch die Agenda 2010 will er, das ist die Kern-Aufgabe, die Gönner Schröder ihm gegeben hat, mit Waschmittel-Werbung ablenken.

Florian Gerster hat einen kleinen Fehler: er wirkt so unsympathisch wie die anderen Pinocchios, die hölzeren Männlein der Bundesregierung. Schlimmer als sein charmefreies Auftreten kommt bei vielen Fernseh-Zuschauern eine gewisse untergründige, allwissende Arroganz rüber. Gottseidank brauchen wir ihn nur einmal im Monat zu ertragen: bei der Verkündigung der Arbeitslosenzahlen. An die haben wir uns gewöhnt wie an die wöchentlichen Lottozahlen. Auch an die Begleitmusik: Es wird immer alles besser - und nur sehr wenige merken etwas davon.

Daß Gerster vielleicht ein paar Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe seines Desinformations-Auftrags begangen hat - was soll's? Er wird wohl darüber kaum stürzen.

Inzwischen kommen neue Vorwürfe auf ihn zu. Er soll seinen Bewirtungs-Etat um einige Zehntausend Euro erhöht haben. Ja, wie soll der Mann denn eigentlich dastehen, wenn er seinen Freunden aus der Wirtschaft Vollzug meldet, stolz auf die Kürzungen verweist, die er in seinem Amt durchsetzt? Soll er sich schämen gegenüber den Managern, die für sein schmales Repräsentations-Budget ohnehin nur ein müdes Lächeln übrig haben? Die denken, bei ihm wäre alles sowieso wie bei armen Leuten? Und das geschieht einem Mann, der so tüchtig für die Deutschland GmbH arbeitet, der in einem halben Jahr die Langzeit-Arbeitslosen um Milliarden Euro erleichtern wird! Das ist der pure Undank. Das ist eine hinterhältige Medien-Kampagne.

Diese Kampagne ist aber viel genialer als die geplante Waschmittel-Werbung des Herrn Gerster. Sie lenkt ab von der asozialen Kürzungspolitik bei den Arbeitslosen. Wenn alle von Gersters Bewirtungs-Spesen und von seiner teuren, wahrscheinlich nicht ordentlich ausgeschriebenen Medien-Kampagne reden, dann ist der wirkliche Auftrag des Herrn Gerster bald vergessen: Die brutale Absenkung der Leistungen für Arbeitslose und als Folge die weitere Absenkung des Lohnniveaus im Interesse der Unternehmer. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man bekommt, was man will, und stellt diejenigen, die es übereifrig durchsetzen, an den Pranger. Das ist und bleibt das Dilemma der neoliberalen SPD.

Gerster selbst wird sehr wahrscheinlich diesen Knick in seiner Karriere überstehen. Zombies sind nicht totzukriegen.

Ich habe mich also geirrt. Es hat ihn erwischt, leider aus einem falschen, vielleicht auch nicht nachvollziehbaren Grund. Seine Politik an der Spitze der (jetzt:) Bundes-Agentur wird ihn überleben. Er wird eine satte Abfindung einstreichen. Sein Nachfolger wird da weitermachen, wo Gerster aufgehört hat. In zwei Jahren wird es seinem Entdecker Gerhard Schröder genauso gehen wie Gerster, der vor zwei Jahren ein Star war. Die Schadenfreude kann nur kurz sein. Von keinem möglichen ist Besseres zu erwarten. Es geht für die Mehrheit weiter abwärts. Jede Einsparung bringt die nächste hervor.