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JAGDGESELLSCHAFTEN

I. VOM HEXENWAHN ZUM RASSENWAHN

Mancher, der die Zeit der Hexenverfolgungen mit unserer heutigen Zeit vergleicht, wird auf den ersten Blick, ohne weitere Überlegung, sagen: Heute ist alles besser, wir haben es richtig gut.

Wenn wir uns allerdings ein richtiges Bild machen wollen, müssen wir uns einmal kurz von unserem wohligen Alltagsbewusstsein verabschieden, das so vieles einfach nicht wahrnimmt. Wir müssen Vergleiche ziehen. Dabei wird jedem auffallen, dass die Veränderungen, die sich seit der frühen Neuzeit ergeben haben, größtenteils technischer Natur sind, dass ein Fortschritt zu mehr Menschlichkeit bei genauem Hinsehen nicht zu erkennen ist.

Die Bauern- und Religionskriege des 16. Jahrhunderts, der 30-jährige Krieg, die Kolo- nialisierung der Welt zeigten grausame europäische Gesellschaften. Die Grausamkeit und die Zerstörung wurden aber von den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts weit übertroffen. Die Kriegspropaganda ist die gleiche wie vor 500 Jahren. Die anderen stellen das Böse" dar, nach dessen Vernichtung das Paradies beginnt.

Der Holocaust, die fast vollständige, industriell organisierte Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland, stellt alle früheren Verfolgungen von Hexen und Juden in den Schatten. Nach der Vernichtung der Juden sollte die arische Rasse, gemeint war hauptsächlich Deutschland, die ganze Erde beherrschen, die anderen sollten Sklavenvölker sein: ein grausamer Garten Eden.

Astronomische Summen werden heute für Waffen aller Art, von Massenvernichtungsmitteln bis zu Landminen und Gewehren, ausgegeben. Jeder Mensch auf der Erde kann inzwischen mehrmals getötet werden. Gleichzeitig verhungern jedes Jahr Millionen von Menschen.

Nicht nur die Waffen bedrohen die Menschheit. Auch noch das letzte Stückchen Erde, Urwald und Ozean werden rücksichtslos ausgebeutet. Ob es morgen noch möglich sein wird, damit zu wirtschaften, interessiert anscheinend niemanden. Auch auf dem Wege der (nach unseren heutigen Vorstellungen) ganz normalen Nutzung ihrer Schätze kann die Welt zerstört werden. Künftigen Generationen wird die Lebensgrundlage entzogen. 1 Ab und zu werden ganze Länder von Börsenspekulanten ins Elend gestürzt, wie jetzt gerade Argentinien. Seine Reichtümer werden bald billigst zu haben sein, während die Menschen Hunger leiden.

Diese aus der Globalisierung resultierende Zerstörung der sozialen Zusammenhänge wirkt deshalb so tödlich, weil die Akteure dieses Prozesses, die Wirtschaftsführer, selbst ihren eigenen Zusammenhalt verloren haben, so dass sie gar nicht in der Lage sind, die Auswirkungen ihres zerstörerischen Handelns auf ihre eigenen Bedürfnisse beziehungsweise auf die ihrer Mitmenschen zu erkennen. Das vor allem deshalb, weil sie diejenigen sind, die am meisten von Ersatzbedürfnissen...geformt sind und sich völlig dem System angepaßt haben.

Die Geschichte unserer Zivilisation ist deshalb in Wahrheit ein andauernder Kampf zwischen den Kräften, die der Liebe und dem Lebendigen verpflichtet sind, und denen, die dem Gegenteil dienen." 2

An allem Elend fühlt sich also noch nicht einmal jemand schuldig. Niemand fühlt sich dafür verantwortlich. Alles geschieht aus Sachzwängen. Es muss so sein, es geht gar nicht anders. Die neue Weltordnung ist die beste, die wir je hatten - so erzählt man uns täglich.

Aber alle Zerstörungen werden von Menschen ausgeführt. Jeder könnte sich weigern, daran teilzunehmen. Ich höre den Einwand:  Der MENSCH ist von Natur aus schlecht." Es ist nicht nötig, darüber zu diskutieren, ob das stimmt oder nicht. Dieser Satz hat eine Konsequenz. Wer ihn ausspricht, hat sich mit der Zerstörung der Welt (oder zumindest mit dem Ende der Gattung Mensch) abgefunden. Wann das Ende eintritt, ist für ihn nur noch eine Frage der Zeit.

Der Satz ist also uninteressant für jemanden, der für das Leben eintritt. Er muss die Entstehung der Zerstörungskräfte anders erklären. Er muss versuchen, Möglichkeiten zu ergründen, die Menschen friedfertiger machen.

Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert forderten nicht nur zig Millionen Menschenleben. Die bis dahin in einem solchen Ausmaß ungekannte Grausamkeit brachte auch eine tiefe Verunsicherung für das Selbstverständnis der gesamten westlichen Kultur mit sich. Die scheint inzwischen wieder vollständig vergessen. Die alte Selbstgerechtigkeit ist der vorherrschende Zug unserer Zeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Diskussion unter Historikern, Philosophen, Soziologen, Psychologen und Schriftstellern über die ungeheure Destruktivität, die die Nazi-Verbrecher, ihre Helfer und ihre Mitläufer entfacht hatten. Während einige Hauptschuldige in Nürnberg, manche auch später gerichtet wurden, gelang anderen die Flucht. Viele konnten aber auch einfach untertauchen und - erkannt oder unerkannt - in Deutschland weiterleben. Ich erinnere mich an eine Fernsehsendung in diesem Jahr, 2002, in der ein SS-Opa, der eine große Anzahl Frauen und Kinder in Italien ermordet hatte, vor seinem Haus bei der Gartenarbeit interviewt wurde.

Viele Täter hatten und haben kein Unrechtsbewusstsein. Sie stammen aus gutem Hause", waren immer brav und gehorsam. Sie taten alles, was man ihnen sagte. Das Wort Befehls- notstand" ist sozusagen ihr Markenzeichen. Man kann nichts machen. Man muss tun, was einem befohlen wird. Und dann kann man auch nichts dafür, trägt keine Verantwortung.

In den Konzentrationslagern hörten sie klassische Musik und ließen Gefangenen-Orchester gründen, deren Mitglieder (vielleicht) als letzte ins Gas geschickt wurden. Ansonsten gingen sie ihrer Arbeit nach, die im Quälen und Morden bestand.

Die Begeisterung für den Nationalsozialismus war weit verbreitet, die Unwissenheit über die Verbrechen fast immer vorgetäuscht. Das beweisen Feldpostbriefe, Landserfotos von Gräueltaten und manchem von uns Gespräche mit Vätern, Onkeln und Großvätern. Ich sprach einmal mit meinem Onkel über die Vernichtung von lebensunwertem Leben", die Ermordung von Geisteskranken. Er meinte, er habe solche" gesehen, sie seien unnütze Esser". (Mein Onkel war ein gläubiger Katholik, der jeden Sonntag in die Kirche ging.)

An der Normalität" von Menschen ohne Mitgefühl aus der Nazizeit kann kein Zweifel bestehen. Sie ordneten sich nach dem Krieg bestens in die neuen Verhältnisse ein, fielen meist gar nicht auf. Viele Menschen fragen sich verwirrt: Wie kann das sein? Wie kann jemand, der gestern für den Staat, unter dem Schutze des Nazi-Staats, mordete, heute ein guter Demokrat sein? Die Antwort ist einfach. Für diese Menschen geht es nicht um Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit. Es geht ihnen nur um den immer gleichbleibenden Gehorsam. Gestern war Morden angesagt, heute eben nicht. Und wenn's morgen wieder anders ist...

Nach dem 2.Weltkrieg war es also an der Zeit, sich Gedanken über das zu machen, was als normal und als selbstverständlich angesehen wird.

Die Zerstörung des Mitgefühls durch den Gehorsam

Stanley Milgram hat sich in einem psychologischen Experiment 3 der Frage des Gehorsams gewidmet. Grundlage seiner Vorüberlegungen bildeten hauptsächlich Veröffentlichungen, die ein Bild des durchschnittlichen Deutschen der NS-Zeit zeichneten, wie beispielsweise die Studien über die autoritäre Persönlichkeit" 4 . Milgram entwarf einen psychologischen Versuch, der das Ausmaß und die Verbreitung eines Gehorsams zeigt, der keine Rücksicht auf den Mitmenschen nimmt. Er zog dazu als Versuchspersonen 40 Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren aus den verschiedensten beruflichen Gruppen mit sehr unterschiedlicher Schul- bildung heran. Den Versuchspersonen wurde gesagt, sie seien Helfer des Versuchsleiters. Dessen Absicht sei es herauszufinden, wie Bestrafung sich auf die Gedächtnisleistung aus- wirke. Zu diesem Zweck sollten die Versuchspersonen einem Lernenden" elektrische Schläge steigender Intensität verabreichen, um ihn für falsche Antworten zu bestrafen. Was die Helfer" nicht wussten: Das Opfer" war ein Komplize des Versuchsleiters. Es bekam keine Elektroschocks. Es simulierte überhaupt nur.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Etwa zwei Drittel der 40 Männer (26) führten den Versuch bis zum stärksten Stromschlag durch. Sie schätzten den letzten Schock als äußerst schmerzhaft" ein. Sie wurden ab und an vom Versuchsleiter mit steigender Dringlichkeit ermahnt, doch weiterzumachen, wenn sie Zweifel äußerten. Sie hatten jedoch keine Nachteile zu befürchten, wenn sie abbrachen. Selbst das Geld für die Teilnahme ($ 4,50) durften sie behalten. Das war ihnen zuvor versichert worden.

Bis zu einem Stromstoß von 300 V antwortete das Opfer auf die Testfragen. Durch Betätigen eines Hebels wählte es eine von vier Antwortmöglichkeiten aus. Als der 300 V-Schock erteilt wird, schlägt der Lernende auf die Wand des Raumes, in dem er an den elektrischen Stuhl gebunden ist. Das Schlagen kann von der Versuchsperson gehört werden. Von diesem Zeitpunkt an erscheinen keine Antworten des Lernenden auf der Anzeigetafel mit den vier Möglichkeiten mehr." 5 (alle Übersetzungen MS).

Der Versuchsleiter forderte die Versuchspersonen auf, eine gewisse Zeit nach dem Stellen der Frage verstreichen zu lassen. Erfolgte dann keine Antwort, so sollte die Antwort als falsch gewertet und der Lernende bestraft werden.

Bei 300 Volt weigerten sich jedoch die ersten fünf Männer, weitere Schocks zu erteilen. Teile der Äußerungen von zwei Männern sind bei Milgram wörtlich aufgeführt:

[0124] Ich denke, er versucht zu kommunizieren, er klopft...Also, es ist nicht fair, dem Burschen einen Schock zu geben...das sind fürchterliche Voltzahlen. Ich denke nicht, daß es sehr human ist..Oh, ich kann das nicht weitermachen; nein, das ist nicht richtig. Das ist die Hölle von einem Experiment. Der Bursche da drin leidet. Nein, ich will nicht weitermachen. Das ist verrückt. [ Die Versuchsperson weigerte sich, weitere Stromschläge zu erteilen.]

[0123] Er poltert da drin herum. Ich zieh den Schwanz ein. Ich würde gern weitermachen, aber ich kann das einem Menschen nicht antun...Es tut mir leid, ich kann das einem Menschen nicht antun. Ich werde sein Herz verletzen. Nehmen Sie Ihr Geld...Nein, wirklich, ich könnte es nicht tun." 6

Milgram fährt fort: Diese Versuchspersonen waren gewöhnlich in einem hoch erregten und sogar wütenden Zustand. Manchmal war der verbale Protest minimal, und die Versuchsperson stand einfach von ihrem Stuhl vor dem Schock-Generator auf und bedeutete, daß sie das Labor verlassen wolle." 7

Ein ungefähres Drittel der Männer also verweigerte zu einem bestimmten Zeitpunkt den Gehorsam. Das fing an, als das Opfer Zeichen von Schmerz zeigte. Die 14 Männer ließen sich auch nicht durch Drängen des Versuchsleiters fortzufahren, davon abbringen, den Versuch zu beenden. Ihr Mitgefühl hatte über ihren Gehorsam gesiegt.

Paradox dabei ist, dass ein Mann sich deshalb als Schwächling und Feigling empfand, als jemanden, der eine Leistung" nicht erbrachte, die er hätte erbringen müssen. In den Augen sehr vieler Menschen ist Gehorsam, gleichgültig, worum es geht und wer den Befehl gibt, eine Leistung, sogar eine Tugend. Und nichts zeigt deutlicher und tragischer als das Verhalten dieses Mannes, der sich einem unmenschlichen Befehl verweigert, welche Macht diese verbreitete gesellschaftliche Einstellung sogar ihm gegenüber noch hat. Freilich sind da auch noch diejenigen, die wortlos aufstehen und das Labor verlassen. Wahrscheinlich haben sie erfahren, dass eine Diskussion über den Gehorsam ziemlich sinnlos ist, dass sie dabei allein auf weiter Flur wären. So widersetzen sie sich einfach und gehen.

Zwei Drittel der Männer taten ihre Pflicht" bis zum Ende, über 375 V hinaus. Diese Spannung war mit dem Hinweis: Gefahr: Heftiger Schock" versehen. Beobachtern des Experiments fiel ihre äußerste Anspannung auf, die sich in nervösen Bewegungen, nervösem Lachen, Stottern u.ä. äußerte. Nur an ihrem Körper konnte man wahrnehmen, dass auch sie vielleicht ein Mitgefühl mit ihrem Opfer hatten. Das allerdings unterdrückten sie erfolgreich", um ihrem Ideal des Gehorsams nachzukommen.

Keiner der Beobachter des Experiments und keine der Personen, die Milgram zuvor um eine Einschätzung gebeten hatte, hatte ein solch verheerendes Ausmaß von Gehorsam" für möglich gehalten.

Erzeugung eines Gruppenwahns, aus Versehen

Wie sich die eben geschilderte Grundeinstellung, die wohl auch bei der Mehrheit der Gesellschaft vorauszusetzen ist, in einem Gruppenprozess auswirken kann, schildert Morton Rhue in dem Jugendbuch Die Welle" 8 . Dem Buch liegen Geschehnisse an einer amerikanischen High School zugrunde. Ein Geschichts-Lehrer dieser Schule begann einen Versuch, mit dem er seinen Schülern die Vorgänge im Dritten Reich verdeutlichen wollte. Er führte eine straffe Disziplin in der Klasse ein und rief eine Bewegung" ins Leben, die er die Welle" nannte. Macht durch Disziplin", Macht durch Gemeinschaft" und Macht durch Handeln" waren ihre Slogans. Mitgliedskarten wurden ausgegeben. In kurzer Zeit kam es zu Übergriffen von Mitgliedern der Welle" auf andere Schüler: Drohungen, körperliche Angriffe, Ausschluss von Schul-Veranstaltungen, die die Welle" als die ihrigen in Anspruch nahm. Wer nicht den Welle"-Gruß erbot, durfte nicht auf die Tribüne bei einem Football-Spiel der Schulmannschaft. Ein Junge spielte den Leibwächter" des Gründers der Bewegung, in den Veranstaltungen traten Ordner auf. Kaum ein Schüler wagte mehr, etwas gegen die Welle" zu sagen. Die Welle" war ein Macht-Kult. Das war an ihren Slogans und der aus ihnen folgenden Entwicklung deutlich abzulesen. Auf den einzelnen kam es nicht mehr an.

Eine der Hauptpersonen des Buches, David, ein begeistertes (oder fanatisches?) Mitglied der Welle", war dabei, seine Freundin, Laurie, körperlich zu bedrängen, als ihm plötzlich klar wurde, was in ihm vorging. Er stellte die Welle" über seine Liebe. Das war der Anlass für ihn, die Bewegung sofort zu verlassen.

Der Lehrer hatte ziemlich viel zu tun, seine Bewegung" wieder zum Stillstand zu bringen, nachdem sich auch in der Gemeinde kritische Stimmen gemeldet und den Direktor der Schule um Aufklärung gebeten hatten.

Tragische Beispiele für einen Gruppenwahn finden wir ab und zu in den Zeitungen. Massen- selbstmord im Dschungel Südamerikas" oder Sekte geht in den Schweizer Alpen gemeinsam in den Tod", so können dann etwa die Überschriften heißen. Immer wieder gibt es solche erschütternden Zeugnisse eines religiösen Gruppenwahns. Immer wieder fragen sich die Menschen, wie so etwas passieren kann. Gehorsam gegenüber der Autorität eines Gurus" und der Zwang, den eine Gruppe ausübt, können erste Erklärungen bieten.

Vom Nutzen der Sündenböcke

Der Psychotherapeut Arno Gruen sieht die Wurzeln der Destruktivität in unserer Kultur in der frühen Kindheit. Viele Kinder werden von ihren Eltern nur dann anerkannt, wenn sie ihren Vorstellungen entsprechen, sich ihren Maßstäben unterwerfen. Die Eltern missbrauchen ihre Macht. Die Kinder lernen so nicht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Die Kehrseite ihrer Unterwerfung ist ein Selbsthass, den sie zeit ihres Lebens leugnen müssen.

Der Widerspruch zwischen dem Bedürfnis, vor sich selbst das Gesicht zu wahren, und der Bereitschaft, sich durch Unterwerfung mit der Macht zu verbünden, ist deshalb die grundlegendste und vielleicht erste Spaltung in der menschlichen Seele. Sie ist nicht eine bloße Verdrängung, sondern eine radikale Abspaltung, die Abspaltung vom Wissen um das preisgegebene Selbst und den daraus resultierenden Selbsthass. Dies wird zum Grundprinzip eines ganzen Lebens. Die Spaltung ist eingebettet und wird aufrechterhalten von einer gesellschaftlichen Ideologie, die Gehorsam mit Verantwortung gleichsetzt: Gehorsam sein heißt gut sein, und gut sein heißt verantwortungsvoll sein. Frei sein dagegen ist ungehorsam, und wer ungehorsam ist, fordert Missfallen heraus und droht den Schutz der Mächtigen beziehungsweise die Teilhabe an ihrer Macht zu verlieren." 9

Das Gleichbleibende bei den Verfolgungen der verschiedensten Gruppen von Menschen sind nicht die Eigenschaften der Verfolgten. Es ist die Mentalität der Verfolger. Bei uns dienen Hexen als Projektionsfläche für den Haß und die Schuldgefühle, die unsere Zivilisation erzeugt. Hexen können Frauen, Ausländer, Juden, Zigeuner oder andere irgendwie Andersgeartete sein. Bei den Primitiven dagegen werden Hexen in einem sehr intensiven und persönlichen Sinn gesehen. Zauberei betrachten sie als ein außergewöhnliches Einfühlungs- vermögen in andere Personen, die auf gewissen Gebieten eine gefährliche Empfindsamkeit bewirkt." 10

Die diskriminierten Gruppen können leicht wechseln, was gleich bleibt, ist das Bedürfnis, einen anderen zu verachten oder in letzter Konsequenz: zu vernichten. Die Eigenschaften, die der verfolgten Gruppe oder dem verfolgten Menschen dabei angedichtet werden, haben mit den wirklichen Eigenschaften der Betroffenen in der Regel nichts zu tun. Sie entstammen dem Inneren des Verfolgers, der die Welt in einer bestimmten Weise sieht und alles, was ihn dabei stört, beseitigt sehen will. Zugespitzt gesagt: Der Verfolger verfolgt seine Zweifel und seine eigenen asozialen Neigungen im anderen , auf den er sie projiziert hat. Das Bild des Sündenbocks eignet sich zur Erklärung. 11 Der Sündenbock wurde in die Wüste geführt, damit er dort verhungere. Heute wird er oft sofort erschlagen.

Nach Arno gruen 12 werden wir als Menschen der westlichen Zivilisation, der (selbsternannten) Hochkulturen, schon in frühester Kindheit geschädigt, fühllos gemacht für unser eigenes Leid und das Leiden anderer. Ein Kind, das auf die Welt kommt, ist vollkommen hilflos, es ist auf Gedeih und Verderb auf die Eltern oder irgendeinen erwachsenen Menschen angewiesen. Es braucht andere Menschen, um überleben zu können, und es ist in dieser Situation ungeheuer leicht zu verletzen. Nur andauernde Fürsorge kann es am Leben erhalten.

Wenn in dieser Situation der absoluten Schwäche seine Bedürfnisse nicht befriedigt, seine Gefühle nicht erkannt oder missachtet werden, entwickelt es ein Gefühl der Hilflosigkeit, das in manchen Fällen bis zu seinem Tod führen kann.

In dieser kritischen Zeit geschehen oft auch schon schwerwiegende Verletzungen, mit denen das Kind allein nicht fertig werden kann. Oft genug wird sein Leiden, sein Schmerz geleugnet, und es wird von seinen Eltern dazu gebracht, auch selbst seinen Schmerz zu leugnen, damit es von ihnen anerkannt und geliebt" wird. Denn die Eltern wollen ja gute Eltern sein und lassen sich dies von ihrem Kind bestätigen, das dafür seine wirklichen Gefühle verleugnen muss. Dem Kind, das die Eltern zum Überleben braucht, bleibt keine andere Wahl. Erst wenn es erwachsen ist, wird es die Möglichkeit haben, in Gedanken in seine Kindheit zurückzugehen und die Wahrheit zu entdecken. Aber das ist ein langer und schwieriger Weg. Es ist nicht leicht, die Angst vor der Verlassenheit, die für das Kind den Tod bedeuten konnte (und das hat es gefühlt!) zu überwinden, später zu entdecken, dass es als Erwachsener mit großer Anstrengung, aber ohne sterben zu müssen, das Leid wiedererleben und ertragen kann. Erst danach ist es möglich, andere Menschen anzuerkennen, wie sie sind.

Vom Opfern zum Täter

Wenn ein Mensch seinen eigenen Schmerz nicht erleben darf und kann, weil er dazu angehalten wurde, ihn als schwach abzutun, wird er ihn in anderen Lebewesen suchen müssen. Ein solcher Mensch wird andere erniedrigen, quälen oder verstümmeln, um des eigenen verdrängten und verneinten Schmerzes habhaft zu werden. Zugleich wird er dieses Tun leugnen, um seine eigene seelische Verstümmelung zu leugnen. Diese Verleugnung aber macht aus Opfern Täter, und sie führt ferner dazu, daß wir alle bis zu einem gewissen Grad Schwierigkeiten haben, Täter und Opfer zu unterscheiden: Die Opfer werden als Täter und die Täter werden als Opfer gesehen. Diese Verwechslung ist charakteristisch für unsere Kultur.

In unserer Kultur werden Kinder - Jungen stärker als Mädchen - dazu erzogen, sich für ihre Tränen, ihre Verzweiflung, ihre seelischen Verletzungen zu schämen. Indem wir aber dem Zwang, Schmerz zu verneinen, ausgesetzt wurden, in welchem Maße auch immer, werden wir unseren eigenen Schmerz nicht erkennen können. Und wir werden aus demselben Grund auch den Schmerz, der einem anderen zugefügt wird, nicht wahrhaben wollen...

Der Film 'Geraubte Kindheit' von Johannes Gulde und Stefanie Landgraf (gedreht für Terre des Hommes) handelt von zehnjährigen Kindern in Moçambique, die von der sogenannten Rebellenbewegung Renamo gekidnappt, vergewaltigt und schließlich dazu gebracht werden, wie Roboter andere Menschen zu ermorden. Der Film veranschaulicht drastisch, wozu ein Sozialisierungsprozeß auf der Grundlage von Gehorsam und Terror im Extremfall führen kann. Indem die Angst, Verletzlichkeit und Scham des Kindes durch Bestrafung ausgelöscht werden, wird dieses zum Werkzeug seines Unterdrückers. Mehr noch: Es sucht selbst Erlösung von dem Schmerz, indem es anderen Schmerz zufügt." 13

Das ist nun ein krasses Beispiel, und noch nicht einmal von unserem eigenen Kontinent. So kann es leicht als für uns unzutreffend abgelehnt werden. Ich möchte daher ein anderes Beispiel anführen: wie Friedrich II. von Preußen von seinem Vater gebrochen wurde. Als sich die Beziehungen zwischen dem Kronprinzen Friedrich und seinem Vater im Jahre 1730 aufs äußerste zugespitzt hatten, bereitete Friedrich mit Hilfe seines Jugendfreundes Hans Hermann von Katte die Flucht in ein anderes Land vor. Das dilettantische Vorhaben wurde sofort entdeckt. Um seinen Sohn besonders zu strafen, ließ der König den Leutnant Katte vor den Augen Friedrichs hinrichten." 14

Friedrichs Vater, der ihn immer gedemütigt und geschunden hatte 15 , starb schließlich. Der Kronprinz bestieg den Thron. Viele der alten Freunde von früher kamen nach Charlottenburg, einer von ihnen war Bielfeld.

So freundlich der Empfang des Königs war, so sah Bielfeld doch schnell genug ein, daß von den Hoffnungen, mit denen er nach Charlottenburg gekommen war und welche auch alle Jubelnden und Glückwünschenden dahin geführt hatten, nur wenige erfüllt werden würden. Er nannte deshalb in einem seiner Briefe den Tag der Thronbesteigung den 'Tag der Gefoppten'. Er sprach damit eine Prophezeiung aus, welche buchstäblich in Erfüllung gehen sollte. 16

Die lustigen Freunde aus Rheinsberg, welche gegen den König die alten Vertraulichkeiten erneuern wollten, sahen sich hart und streng zurückgewiesen. So der Markgraf Heinrich von Schwedt, der sich in alter, kordialer Weise gegen den König äußerte und von diesem stolz zurückgewiesen wurde: 'Mein Herr, jetzt bin ich der König!' Auch dem Kammerdiener Fredersdorf, der sich sonst viel herausnehmen durfte, zeigte Friedrich die Grenzen: 'Die Possen haben ein Ende!'" 17

Der Vater, der Soldatenkönig", hatte endgültig über seinen Sohn gesiegt. Friedrich stellte die Macht über seine Menschlichkeit, verriet die Auffassungen, die er in seiner Jugend gehabt hatte, verriet seine Freunde, verriet letztlich sich selbst. Im Sinne der Macht konnte er nun bestens funktionieren.

Es ist bekannt, dass Friedrich die militaristische Politik seines Vaters fortsetzte. Der als kunstsinnig gerühmte Herrscher führte mehrere Kriege. Er hatte seinen Spaß daran, beim Spießrutenlaufen" zuzusehen. Diese Prügelorgie überlebten nur wenige der dazu verurteilten Soldaten. Friedrich hatte durch die Misshandlungen seines Vaters und den Verrat an sich selbst sein menschliches Mitgefühl eingebüßt. Er war durch die Macht korrumpiert. Aus dem Opfer war ein Täter geworden. Viele verehren ihn allerdings wegen seines strengen Regiments. Am Ende seines Artikels über Friedrich II. meint schließlich auch der Brockhaus 18 , dass der 'Alte Fritz' doch zunehmend von einem oft zynischen politischen Realismus und Skeptizismus beherrscht" wurde. Lessing aber erblickte, voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das 'sklavischste Land in Europa'". 19

Die Frage nach dem Ausweg

Auch die Psychotherapeutin Alice Miller beschäftigt sich in ihren Büchern mit den vielen unentdeckten und verleugneten Untaten an Kindern und Heranwachsenden. Sie untersuchte u.a. die Lebensläufe einiger Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Anhand eines Beispiels, das für manchen vielleicht provozierend wirkt, schlägt sie einen Ausweg vor.

Das Wissen von der Opferung des Kindes ist so tief in uns verwurzelt, daß uns die Geschichte von Abraham und Isaak in ihrer Ungeheuerlichkeit bisher noch kaum aufgefallen zu sein scheint. Sie hat beinahe die Legitimität eines Naturgesetzes. Doch wenn diese Legitimität zu einer so großen Gefahr wie dem Atomkrieg führen soll, dann ist sie nicht wie ein Naturgesetz hinzunehmen, sondern muß hinterfragt werden. Wenn wir unser Leben mehr lieben als den Gehorsam und nicht bereit sind, für den Gehorsam und die Kritiklosigkeit unserer Väter zu sterben, können wir nicht länger wie Isaak mit verbundenen Augen und gefesselten Händen darauf warten, daß unsere Väter den Willen ihrer Väter ausführen." 20

Wie aber wäre es, wenn Isaak... die ganze Kraft seiner Muskeln dafür aufbringen würde, seine Hände zu entfesseln und sein Gesicht von der Hand Abrahams zu befreien? Das würde die ganze Situation verändern. Er würde nicht mehr wie ein Opferlamm liegen, sondern aufstehen, er würde wagen, seine Augen zu gebrauchen und seinen Vater so zu sehen, wie er ist: unsicher und zitternd darauf bedacht, einen ihm unbegreiflichen Befehl auszuführen. Auch Isaaks Mund und Nase wären nun frei, er könnte nun endlich tief Atem holen und seine Stimme gebrauchen. Er könnte sprechen und Fragen stellen, und Abraham, dessen linke Hand nun nicht mehr den Sohn am Sehen und Sprechen hindern kann, müßte sich dem Dialog mit seinem Sohn stellen. Am Ende dessen würde er möglicherweise dem jungen Mann begegnen, der er selber einmal war und der nie Fragen hatte stellen dürfen." 21

Wie Alice Miller versucht Arno Gruen, die Frage zu beantworten, wie der Teufelskreis immer neuer Verfolgung und Vernichtung in unserer Kultur beendet werden kann. Er spricht dabei die Erwachsenen an.

Wie aber kann das geschehen? Janusz Korczak erklärte in seinem Buch 'Wie man ein Kind lieben soll' (1992, zuerst auf deutsch 1916), daß der Erwachsene sich zum Kind hinabbücken muß, um von ihm zu lernen. Genau wie die Schizophrenen weisen die Kinder den Weg hin zum Menschlichen, das in uns allen verborgen ist. Es gibt viele Kulturen, in denen Kinder ganz selbstverständlich diese Rolle einnehmen. Die Laconda-Indianer in Chiapas, Mexico, von deren Aufstand 1996 in den Medien berichtet wurde, treffen wichtige Entscheidungen nur mit Zustimmung der Kinder. Bei uns dagegen besteht die Tendenz, unsere Kinder nicht ernst zu nehmen, sie so klein wie möglich zu halten, so daß wir nichts von ihnen über sie und über uns selbst zu lernen brauchen. Das herablassende Lächeln, mit dem wir den Kindern und solchen Vorschlägen begegnen, spiegelt die Verteidigung des Mordes an der eigenen Kindheit wider." 22

Wenn wir nicht gegen die Preisgabe unserer authentischen Gefühle ankämpfen können, zu der wir von Kindheit an genötigt werden, dann wächst die Gefahr, daß das Menschsein unterliegt und wir unsere wahre Identität verlieren. Bei unserer Geburt tragen wir das Menschsein in uns. Was sich daraus entwickelt, ist aber häufig nur eine Attrappe, die zwar die Sprache des Menschseins nachahmt, das Herz des Menschen aber verraten hat. Dann geschieht das, was der englische Dichter Edward Young schon im 18.Jahrhundert beschrieben hat: 'Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien.'" 23

II. VON LUTHER ZU HITLER

Ein Flugblatt aus dem Jahr1944

Es gibt immer, wenn auch nicht viele, mutige Menschen. Besser wäre vielleicht zu sagen: Es gibt immer Menschen, die sehen, was andere nicht sehen wollen, und die trotzdem fühlen, wenn das Mitgefühl verboten wird. Für sie ist Mut keine Frage. Sie können nicht anders, als aus ihrem Inneren zu leben, als ihren Überzeugungen treu zu sein. Sie können nicht Unterdrückung bemänteln, weil sie eben an der Zeit ist, und sich ihre Empörung für später aufheben. Aus der Zeit nach dem Dritten Reich wissen wir, dass die Empörung gegen das Unrecht sich auch dann nicht in nennenswertem Umfang einstellte, als es möglich gewesen wäre. Das Unrecht und der fehlende Widerstand dagegen wurden im Gegenteil weiter mit großem Verständnis und Mitgefühl für die Täter betrachtet, Verbrechen weiter verschwiegen und, wenn's gar nicht mehr anders ging, verschleiert und beschönigt. Das ist es, was Ralph Giordano die zweite Schuld" nennt.

Der Pastor, der das Flugblatt" schrieb, aus dem ich einen Auszug zitiere, vergleicht die Hexenverfolgungen und die Judenmorde. Und ungleich den meisten Menschen, die vergangenes Unrecht nicht Unrecht nennen, Obrigkeiten, die in der Vergangenheit Verbrechen begingen, nicht Verbrecher, besteht er auf seinem Urteil. Unrecht ist für ihn allezeit erkennbar, auch dann, wenn die größten Kapazitäten in Wissenschaft, Gesellschaft und Religion es in Recht verkehren. Es ist sehr tröstlich, einen Menschen mit tiefem Mitgefühl und klarem Urteilsvermögen zu vernehmen. Er unterscheidet sich deutlich und wohltuend von vielen heutigen Menschen, die die Verbrechen auch und besonders in der jüngsten Geschichte gönnerhaft und überheblich relativieren und herunterspielen. Das ist eben in" in unserer Zeit der Walsers, der Möllemänner und der Skinheads. ( Das war eben damals so, du Dummchen! Das haben doch alle geglaubt. Das konnte doch keiner wissen." Freilich, Mitläufer haben noch nie selber gedacht oder gefühlt, immer nur das, was verlangt war, und das ändert sich manchmal.)

Es wird deutlich: Pastor Hochstädter ging es nicht um Nuancierungen, Kategorisierung, Katalogisierung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Verbrechen für die Ablage wie einer bestimmten Art von Historikern. Für ihn stand die Größe und die Gemeinheit der Verbrechen im Vordergrund, und natürlich der Aufruf zum Protest, zum Widerstand. Er war ein denkender, mitfühlender Mensch.

Erziehung zur Fühllosigkeit

Die Fähigkeit zur Kritik gegenüber politischen, wissenschaftlichen oder kirchlichen Autoritäten ist auch heute noch nicht allzu weit verbreitet. Es gibt auch gar keinen Grund für eine Änderung in diese Richtung. Schließlich hat sich auch die Erziehung nicht sehr verändert. Sie ist weitgehend eine Erziehung zum Untertanentum geblieben. Das gilt für die Generation derer, die im Krieg oder kurz danach aufwuchsen. Aber auch heute gelten schon lange wieder die altbewährten" Grundsätze.

Wenn es vor allem darum geht, Kinder so zu erziehen, dass sie nicht merken (Hervorhebung im Original), was man ihnen zufügt, was man ihnen nimmt, was sie dabei verlieren, wer sie sonst gewesen wären und wer sie überhaupt sind, und wenn diese Erziehung früh genug einsetzt, wird der Erwachsene später den Willen des anderen, ungeachtet seiner Intelligenz, als den eigenen erleben. Wie kann er wissen, dass sein eigener Wille gebrochen wurde, da er ihn nie erfahren durfte?" 25

So werden gewöhnlich nicht nur die eigenen Eltern und die eigene Kindheit 26 verklärt, auch die Überväter in Politik und Religion werden in der Regel stark idealisiert. Beides geht auf Kosten nicht nur der Wahrheit, sondern letztlich: der Menschlichkeit. Weder die persönliche noch die Geschichte eines Volkes oder einer Religion lassen sich im nachhinein ändern. Selbst ein Gott ist dazu nicht fähig. Die Menschen zerstört der Versuch dieser Lüge, auch wenn er in der besten" Absicht unternommen wird.

Der Grundgedanke des vorliegenden Aufsatzes ist, dass alle Verfolgungen grundlegende Gemeinsamkeiten haben, die in der psychischen Struktur der Täter und in der Struktur der Gesellschaften, die diese Täter immer wieder hervorbringen, zu finden sind. Ich war so naiv anzunehmen, dass diese Tatsache jedem Leser unmittelbar einleuchtet. Ich hatte nicht vermutet, dass jemand versuchen könnte, wesentliche Unterschiede in der Jagd auf Außenseiter herzustellen, beispielsweise durch relativierende historische Vergleiche. Die Arbeit an meinen Aufsätzen in"Achter kolle Müren" 27 war schwierig genug. Da für die meisten Protestanten Hexenverfolgungen erst einmal eine rein katholische Angelegenheit sind, sind die Berichte über Hexenverbrennungen im nachreformatorischen Ostfriesland für die meisten Leser wahrscheinlich schwer zu verdauen. Es war dennoch notwendig, sie klar darzustellen. Das erforderte aber auch einen gewissen Balanceakt, damit bei nur möglichst wenigen Lesern die Abwehr gegen diese Erkenntnisse einsetzte, die bekanntlich die Menschen für Einsichten verschließt. Bei den berechtigten Anschuldigungen gegen die verfolgenden Obrigkeiten wird die Grenze der Toleranz schon bei manchem gelegentlich überschritten. Verbrechen hätten es wohl eventuell gewesen sein dürfen, aber bitte ohne namentlich zu benennende Täter und Hintermänner!

Aber genau das ist notwendig. Sowohl die Hexenverfolgungen als auch die Judenverfolgungen fanden in einer europäischen Gesellschaft statt, die sich mehrheitlich als christliche versteht. Der Glaube an Hexen gehörte genauso zur kirchlichen Lehre wie bis vor kurzem der Antisemitismus. Das galt nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch für die Kirchen der Reformation. Martin Luther glaubte an Hexen und verfasste in seinem Alter berüchtigte antisemitische Schriften.

Untertanengeist

Aber als erste, eher indirekte Verbindung von Luther zu Hitler fiel mir natürlich sofort der Untertanengeist ein, den der Reformator Martin Luther seinen Gläubigen zeit seines Lebens tief einprägte. Im Internet fand ich dann Ausschnitte aus einer Predigt von Otto Dibelius, der in der Nazizeit und danach ein hoher Repräsentant der evangelischen Kirche war. Dies war eine Predigt, die mich in meiner Auffassung über die Wirkung der jahrhundertelangen Propagierung der Servilität bestätigte. Die Verfasser der Internet-Seite stellen sich zu Beginn ihres Beitrags eine Frage zur Rolle der evangelischen Christen während des Dritten Reiches, bevor sie aus der Festpredigt von Otto Dibelius zitieren.

Wie kommt es, dass die evangelischen Christen, die sich der nationalsozialistischen Ideologie in ihren Glaubensinhalten anpassten, die Lehren des Reformators Martin Luther besonders hervorhoben? In seinen Anschauungen und Äußerungen lassen sich zwei Überzeugungslinien feststellen, die politisch und rassistisch dem Gedankengut des nationalsozialistischen Staates sehr nahe kamen.

1.Seine Forderung, dass die Kirche sich der staatlichen  damals fürstlichen  Obrigkeit unterzuordnen hätte! Wie ausgezeichnet sich diese Forderung für die Anbiederung der evangelischen Christen an das neue NS-Regime eignete, zeigt ein Ausschnitt aus der Festpredigt, die der damalige Generalsuperintendent Otto Dibelius zur Eröffnung des Reichstages am 21. März 1933 hielt:

Ein neuer Anfang staatlicher Geschichte steht immer irgendwie im Zeichen der Gewalt. Denn der Staat ist Macht. Neue Entscheidungen, neue Orientierungen, Wandlungen und Umwälzungen bedeuten immer den Sieg des einen über den anderen. Und wenn es um Leben und um Sterben einer Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, sei es nach außen oder nach innen.

Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie tut, wozu sie berufen ist. Auch dann nicht, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen, damit wieder Ordnung in Deutschland werde. Aber wir wissen auch, dass Luther mit demselben Ernst die christliche Obrigkeit aufgerufen hat, ihr gottgewolltes Amt nicht zu verfälschen durch Rachsucht und Dünkel, dass er Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gefordert hat, sobald die Ordnung wiederhergestellt war."

Kein Wort von Mitleid, von Mitgefühl finden wir in der Predigt von Otto Dibelius, denn es ging ja schließlich mehr um Leben und Tod von Menschen als um Leben und Tod einer Nation. Wörter wie Mitleid waren eben Unworte" im 3. Reich und wurden auch von den Kirchen tunlichst vermieden. ... Bloßes Mitleid ist Wohltätigkeit und wird zur Überheblichkeit, gepaart mit schlechtem Gewissen verweichlicht ein Volk ... kernige Sätze wie diese waren eher Umgangssprache." 28

Die Blaupause für den Holocaust" 29 .

Das Wort: Seid untrtan der Obrigkeit!" stammt aus der Bibel. Es war natürlich auch in der alten, der katholischen Kirche bekannt. Aber in den protestantischen Kirchen erhält es eine neue, weitergehende Bedeutung, weil die konkurrierende kirchliche Obrigkeit des Papstes weggefallen ist. Die weltliche Obrigkeit übernimmt geistliche Funktionen, der Alte Fritz gibt Anweisungen für den Inhalt von Predigten. Die Heiligenbilder sind aus den reformierten Kirchen entfernt, prunkvolle Grabmäler für die Landesherren ersetzen sie.

Aber es war nicht nur der blinde Gehorsam gegenüber dem Landesherrn, der evangelische Christen den Nationalsozialisten in die Arme und auch so manchen Pastor zur Mitgliedchaft in der NSDAP trieb. Auch der bei Katholiken und Protestanten weit verbreitete Antisemitismus und die generelle Feindschaft gegen die Moderne spielten dabei eine wichtige Rolle.

Martin Luther über die Judensau in Wittenberg

Es ist hie zu Wittenberg an unserer Pfarrkirchen eine Saw jnn stein gehauen, da ligen junge Ferkel und Jüden unter, die saugen, Hinder der Saw stehet ein Rabin, der hebt der Saw das rechte bein empor, und mit seiner lincken hand zeucht er den pirtzel uber sich, bückt und kuckt mit großem vleis der Saw unter dem Pirzel jnn den Thalmud hinein, als wollt er etwas scharffs und sonderlichs lesen und ersehen...Denn also redet man bey den Deudschen von einem, der grosse klugheit on grund furgibt: Wo hat ers gelesen? Der Saw im (grob heraus) hindern." 30

Judenhass und Judenverfolgungen sind eine 2000-jährige christliche Tradition, die mit Worten aus dem Neuen Testament beginnt. 31 So habe das ganze jüdische Volk, schreibt Matthäus, vor der Kreuzigung Jesu geschrien: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." 32 Von da an bis ins 20.Jahrhundert galten (und gelten vielleicht noch vielen) die Juden als Gottesmörder".

Die Kirchen haben ihre Feinde blutig verfolgt: die Heiden, die Muslime, die Ketzer in den eigenen Reihen, die Hexen. Kein Feind aber wurde im christlichen Abendland" so ausdauernd und so blutig verfolgt wie die Juden.

Luther, der die Fürsten zur Verbrennung der Hexen ermunterte, der die Obrigkeiten zum Erschlagen der unterdrückten, aufständischen Bauern aufgefordert hatte, rief zum Ende seines Lebens zur Verfolgung der Juden auf. Zuerst, als er glaubte, sie missionieren zu können, hatte er noch freundliche Worte für die Juden gefunden. Als er aber erfolglos blieb, entlud er seinen ganzen Hass in verschiedenen Schriften. Die berühmteste heißt Von den Juden und ihren Lügen". Sie ist im Jahr 1543 geschrieben und wird im Internet 33 von fast jedem zitiert, der sich mit dem Thema Luther und die Juden" beschäftigt.

Luthers Aufforderungen an die Obrigkeiten sind, kurz zusammengefasst:

1. Die Synagogen der Juden sollen verbrannt werden.

2. Die Häuser der Juden sollen zerstört werden. Die Juden selbst sollen unter ein Dach oder in einen Stall getan werden wie die Zigeuner. Sie sollen wissen, dass sie nicht die Herren im Lande sind.

3. Der Talmud und alle Gebetbücher sollen ihnen weggenommen werden.

4. Den Rabbinern soll bei Androhung der Todesstrafe verboten werden zu lehren, damit sie dem Volk nicht weiterhin Gift, Fluch und Lästerung eingeben.

5. Juden sollen sich nicht mehr frei bewegen dürfen.

6. Der Wucher soll den Juden verboten, ihr Eigentum, Gold, Wertsachen sollen ihnen fortgenommen werden.

7. Junge starke Jüdinnen und Juden sollen Zwangsarbeit leisten, weil sie angeblich keine Arbeit gewohnt sind.

Unter den Überschriften Luther: der Mythos oder der Mensch?" und Blaupause für den Holocaust" schreibt Robert Michael:  1543 hat die bedeutendste deutsche Führungspersönlichkeit ihrer Zeit in ihrem Buch Von den Juden und ihren Lügen' antijüdische Maßnahmen vorgeschlagen, denen die Nazis vierhundert Jahre später fast buchstabengetreu folgten. Ich denke nicht, dass das ein Zufall war. Ich beziehe mich natürlich auf Dr. M. Luther...Ich behaupte nicht, das da eine genaue Parallele vorliegt, in der Geschichte finden wir das nicht. Aber, mit den nötigen Abänderungen, das Programm ist da. Und wir haben Beweise dafür, dass Hitler Luther las (und zu vielen Gelegenheiten zitierte)." 34 (Übersetzung: ms) Martin Luthers Antisemitismus war so heftig und einflussreich, dass ihm eigentlich ein Platz im Pantheon des Antisemitismus gebühren würde." 35

Auch die EKD nimmt zu Luthers Schrift Von den Juden und ihren Lügen" erfreulich eindeutig Stellung: 36

Die Tatsache, dass dieses Denkschema nicht auf Kirche und Theologie beschränkt blieb, sondern in der Neuzeit erhebliche Auswirkungen auch auf das Denken einer säkularen Gesellschaft hatte, ist zu einleuchtend, als dass sie leichthin bestritten werden könnte."

Die judenfeindliche Hetzschrift Luthers zeigte unmittelbare Wirkung. Johann Friedrich der Großmütige, Kurfürst von Sachsen, war der erste protestantische Landesfürst, der unter Berufung auf Luther die Juden aus Sachsen austreiben ließ. Im Jahr 1543 verbot er ihnen sogar die Durchreise durch sein Land und erneuerte sein Mandat, 'dass kein Jude noch Jüdin hinfort in unseren Landen ... wohnen, noch darin handeln, wandeln, webern oder durchpassieren sollen.'" 37

In einem kaiserlichen Schutzbrief von 1548 heißt es: 'Uns hat Josel, Jude von Rosenheim, unserer gemeinen Judenheit Befehlshaber im heiligen Reiche deutscher Nation, klageweise vorgebracht, dass etliche Juden über und wider ihre Freiheiten, Privilegien, Schutz, Schirm und Geleit ... mit Gewalt, vornehmlich auf unseren und des heiligen Reiches Straßen und auch in etlichen Städten, Märkten und Dörfern an ihrem Leib, Hab und Gut mit Mord, Totschlag, Raub (und) Austreibung aus ihren häuslichen Wohnungen, Zerstörung und Versperrung ihrer Synagogen und Schulen, auch an Geleit- und Zollgeld merklich geschädigt, beschwert und gesteigert werden...'" 38

Die luthersche Saat der Gewalt war aufgegangen. Luther war ja nie wählerisch gewesen, was die Auswahl seiner Feinde anging. Bauern, Huren, Ehebrecherinnen, Konkurrenten unter den Reformatoren, Türken, Juden und andere empfahl er der Obrigkeit, den Fürsten, zur Vernichtung. Ganz selbstverständlich erteilte er sich und denen, die seinen Rat ausführten, Absolution, handelten sie doch in göttlichem Auftrag.

Wie bereits zuvor erwähnt, benutzte Luther wiederholt die Sprache der Gewalt gegen die meisten, wenn nicht alle seiner Feinde." 39 So schreibt Robert Michael. Das ist wahrscheinlich noch viel zu milde ausgedrückt. Martin Luther rief nicht nur zur Gewalt auf, er erniedrigte, demütigte, entmenschlichte" seine Feinde mit den Worten seiner Schriften. Das Abstoßendste, das mir hierbei untergekommen ist, stammt aus einem weiteren judenfeindlichen Traktat, Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi": Da Judas Scharioth sich erhenckt hatte, das ihm die Darme zurissen und, wie den erheckten geschicht, die Blase geborsten, Da habe die Jüden villeicht jre Diener mit gülden kannen und silbern schüsseln dabey gehabt, die Judas pisse (wie mans nennet) sampt dem andern Heiligthump aufgefangen, darnach unternander (gemischt) die merde (=Scheiße) gefressen und gesoffen..." Solche von abgrundtiefem Hass erfüllte Sprache nur derb" zu nennen, wie das oft geschieht, halte ich schlicht für Schönfärberei.

In welcher zeitlichen Reihenfolge der treue Rat" Luthers in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen" von den Nazis in die Tat umgesetzt wurde, kann man unter www.theologe.de nachlesen. Zur Reichspogromnacht bemerkte ein protestanischer Kirchenoberer freudig, dass an Luthers Geburtstag getreu seinem Rat die Synagogen brannten. So veröffentlichte ein führender protestantischer Kirchenmann, Bischof Martin Sasse aus Thüringen, nach der Reichspogromnacht ein Kompendium der giftigen antisemitischen Äußerungen Martin Luthers. Im Vorwort begrüßte er das Anzünden der Synagogen wie folgt: 'Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen' und empfahl die Lektüre 'des größtem Antisemiten seiner Zeit, (des) Warner(s) seines Volkes wider die Juden'." 40

Die Verbindungslinie von Hexen- zu Judenverfolgungen ist sehr kurz: Martin Luther predigte die Verfolgung beider Gruppen. Er war Hexenverfolger und Judenhasser in Personal-Union. Was einen Vergleich von Hexen- und Judenverfolgungen angeht, wenn man ihn denn anstellen will, so muss gesagt werden, dass die Zeit der Hexenverfolgungen begrenzt war. Mit der Aufklärung gingen sie zu Ende. Den christlichen Judenhass hat es vor, während und nach den Hexenverfolgungen gegeben, und der rassistische Antisemitismus sah erst seinem mächtigen Aufschwung entgegen.

Mit den Begriffen Hexensabbat" und Hexensynagoge" wurden Hexen und Juden gleichzeitig verächtlich gemacht. Die Hexen buhlten" mit dem Teufel, die Juden waren selber Teufel.

Der rassistische, gewalttätige deutsche Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts

Die christlichen Gräuelmärchen über die Ritualmorde der Juden wurden nicht nur vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit kolportiert. Ritualmordbeschuldigungen, die jahrhundertealte antisemitische Horrorgeschichte, und damit zusammenhängende Prozesse verfolgten die jüdische Gemeinschaft; in Deutschland und im Habsburgerreich fanden zwischen 1867 und 1914 allein zwölf Ritualmordprozesse statt. Selbst liberale Blätter berichteten über Gerüchte und Anschuldigungen, die Juden betrafen, auch über Ritualmordvorwürfe, als handele es sich um bewiesene Tatsachen." 41

Der Judenhass hat nach Luther, der ihn besonders durch seine These von der Unbekehrbarkeit, Unbelehrbarkeit der Juden modernisiert und den rassistischen Antisemitismus damit vorbereitet hatte, nicht aufgehört. Der Antisemitismus entwickelte sich weiter, im Laufe der Jahrhunderte, auch nach der politischen Emanzipation der Juden, die in Deutschland erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. Er verankerte sich tief in den Menschen, und auch viele evangelische Pastoren waren an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, vor und im Dritten Reich Antisemiten. Der Antisemitismus hat nie aufgehört 42 .

Der Brockhaus sagt:  Von dieser traditionellen Judenfeindschaft (Judenverfolgungen im Röm. Reich, Kampf gegen das Judentum im MA.) ist der moderne, v. ÿ a. gegen die Judenemanzipation (rechtl. und gesellschaftl. Gleichstellung seit dem 18./19. ÿ Jh.) gerichtete Antisemitismus zu unterscheiden. Er wurde vorwiegend wirtsch. und politisch begründet und benutzt (z. ÿ B. J. ÿ A. Gobineau, H. ÿ S. Chamberlain). Seit dem Ende des 19. ÿ Jh. gewann der rassist. Antisemitismus v. ÿ a. in Dtl., Österreich-Ungarn und auch in Osteuropa wachsenden polit. Einfluss. Nach dem 1. ÿ Weltkrieg wurde er für breite Schichten in diesen Ländern zur irrationalen Zwangsvorstellung 43 und Schlüsselerklärung der sozialen und polit. Strukturkrise. Die hemmungslose antisemit. Agitation erklärte den Einfluss von Menschen jüd. Herkunft und Tradition in Wirtschaft, Kunst und Literatur als »zersetzend«; sie stellte alle Formen des Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus nur als versch. Ausprägungen einer zielgerichteten, »parasitären« jüd. »Unterwanderung« dar. Dieser bereits in seiner Gesinnung gewalttätige Antisemitismus führte als fester Bestandteil der nat.-soz. Ideologie in Dtl. zu einer ständig sich steigernden Judenverfolgung von der Ausschaltung der Juden aus dem öffentl. Leben, der staatl. Provozierung von Pogromen bis zur »Endlösung der Judenfrage«, d. ÿ h. der Ermordung von etwa 6 Mio. Juden während des 2. ÿ Weltkrieges. Nach 1945 ist der Antisemitismus als kollektives Vorurteil weltweit noch keineswegs überwunden (z. ÿ B. Anschläge rechtsradikal-antisemit. Gruppen auf jüd. Einrichtungen in Dtl.)." 44

Die Hexenverbrennungen hörten auf, als die Obrigkeiten den Aberglauben der Bevölkerung nicht mehr zur Schaffung und Verfolgung innerer Feinde nutzten. Gleichwohl war der Glaube an die Macht der Hexen nicht ausgestorben, er hielt sich hartnäckig bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Die nationalsozialistischen Herrscher brachten millionenfachen Tod über die Juden, indem sie den vorhandenen, im Laufe der Jahrhunderte gewandelten, nicht mehr nur rein religiösen, sondern rassistischen, gewalttätigen Antisemitismus unter den Deutschen nutzten. Sie ließen bereitwillige Teile der Bevölkerung an der Vernichtung teilnehmen, ihren angesammelten Hass ausleben. Viele waren mit großem Eifer und großer Begeisterung bei der Sache", Gehorsame, die nun endlich sonst Verbotenes tun durften. Die Verfolgung brachte anderen zudem einen materiellen Gewinn, an dem so manche Erben bis heute teilhaben. Aber das war ja bei den Hexenverfolgungen auch nicht anders.

Das immer Gleichbleibende sind die Täter und ihre psychische Struktur. Was sich nicht ändert, ist ihre Unfähigkeit, überhaupt ihre Schuld wahrzunehmen, wo sie doch mit höchster Billigung, womöglich mit Gottes Segen ihre Verbrechen begangen haben. Hartnäckig entsorgt die Gesellschaft ihre Vergangenheit, gelegentlich feiert man Gedenktage ab, in den Alltag dringen die grausamen Erkenntnisse nicht ein. Was sich gleich bleibt, ist die Weigerung, die Strukturen zu erkennen, die derartige Verbrechen immer wieder ermöglichen. An eine Änderung dieser Strukturen denkt erst recht schon gar keiner. Die Unfähigkeit, Abhilfe zu schaffen, beginnt mit dem Denkverbot, die Ursachen der Gewalt zu Ende zu untersuchen, unbequeme und peinliche Fragen zu stellen. Was überwiegend passiert, folgt dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!" Die unverhüllten Versuche der Verschleierung, des Abstreitens offensichtlicher Zusammenhänge, der Leugnung von Tatsachen haben sich im Vergleich zur Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geändert. Wer diese Lernunfähigkeit, diesen Lernunwillen, sieht, dem muss das Lied von denen, die von nichts gewusst haben, das uns tausend Mal vorgesungen wurde, doch ziemlich abgedroschen, wenn auch immer noch schrill, in den Ohren klingen.


1 Das sind die äußeren Zerstörungen. Es gibt aber auch innere Zerstörungen, in den Menschen, in den Gesell- schaften. Weite Kreise der Wirtschaftsführer, Politiker und Meinungsmacher beklagen seit langem den Verfall der Werte". Vor 30 Jahren war die Besserung des Loses der Armen und Schwachen ein Ziel vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Heute werden die Verlierer, die Wirtschaft und Gesellschaft in immer größerem Ausmaß erzeugen, als Sozial-Schmarotzer, faule Arbeitslose, Schein-Asylanten und Wirtschafts-Flüchtlinge oder gar Wohlstandsmüll" der allgemeinen Verachtung und der Gehässigkeit preisgegeben. Das geschieht durch diejenigen, die ansonsten den Verfall der Werte beklagen. Die um sich greifende Korruption, der Betrug und die Gesetzlosigkeit in den höchsten Kreisen sind meist nicht gemeint, wenn jemand über den Werteverfall jammert. - Wie weit die Zerstörungen in den Menschen schon gehen, zeigen in beängstigender Weise die Amok-Läufe, die in unserem Land um sich greifen. Mit den gewöhn- lichen Machtmitteln werden sie nicht abzustellen sein. Das Verhalten der Menschen, die Werte, die sie leben, und nicht die, die sie beschwören, werden sich ändern müssen, damit Überleben möglich wird.

2 Arno Gruen Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit", München, 2001 4 , S.178

3 Stanley Milgram Behavioral Study of Obedience", Journal of Abnormal and Social Psychology, 1963, Vol. 67, No. 4, S. 371-378

4 Adorno, T., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, D.J., & Sanford, R.N. The authoritarian personality", New York, 1950

5 Stanley Milgram, a.a.O., S. 374 When the 300-volt shock is administered, the learner pounds on the wall of the room in which he is bound to the electric chair. The pounding can be heard by the subject. From this point on, the learner's answers no longer appear on the four-way panel."

6 Milgram, a.a.O., S.375f: "[0124] I think he's trying to communicate, he's knocking...Well it's not fair to shock the guy...these are terrific volts. I don't think this is very humane...Oh, I can't go on with this; no, this isn't right. It's a hell of an experiment. The guy is suffering in there. No, I don't want to go on. This is crazy. [Subject refused to administer more shocks.]

[0123] He's banging in there. I'm gonna chicken out. I'd like to continue, but I can't do that to a man. I'll hurt his heart. You take your check...No, really, I couldn't do it."

7 Milgram, a.a.O., S.376

8 Morton Rhue Die Welle. Bericht über einen Unterrichtsversuch, der zu weit ging.", Ravensburg, 1987

9 Arno Gruen Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität", München, 1992 4 , S. 17

10 S.183

11 3 Mos.16, 21-22: Aaron lege dem lebenden Bock seine beiden Hände auf den Kopf und bekenne über ihm alle Verschuldungen der Israeliten und alle Übertretungen, die sie begangen haben. Er lade sie auf den Kopf des Bockes und lasse diesen durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste bringen. So soll der Bock alle ihre Verschuldungen mit sich fort in eine abgelegene Gegend tragen. In der Wüste lasse man dann den Bock los."

12 Arno Gruen, a.a.O.

13 A.a.O., S.12f

14 Franz Mehring Aufsätze zur preußischen und deutschen Geschichte", Leipzig, 1986, S. 411

15 Es ließe sich noch viel über die brutalen Geschmacklosigkeiten König Friedrich Wilhelms I. berichten, der selbst seine Frau, seine erwachsenen Kinder und seine Minister ständig mit dem Stock zu traktieren pflegte..." Bernt Engelmann Wir Untertanen. Ein deutsches Anti-Geschichtsbuch", Müchen, Gütersloh, Wien, 1974, S.179

16 Der Tag der Gefoppten" ist der Tag, an dem Friedrich, deutlich sichtbar für alle, die es sehen wollten, vom Opfer zum Täter wurde, der Tag des plötzlichen, aber begreiflichen Umschlags. Friedrich leugnet abrupt sein Opfersein vor denjenigen, die ihm beigestanden hatten und kehrt den Herrscher, den Täter, heraus. Er fürchtet die Nähe der Freunde, die er nur noch als für ihn unwürdige Kumpanei" verstehen kann. In dem Maße, in dem wir alle die Nicht-Anerkennung unseres Seins erlebt haben, haben wir auch das Ver- schwinden des eigenen Selbst erlebt. Die Zahl derer, die zu Opfern geworden sind, zeigt sich an der Zahl derer, die sich durch das Opfersein anderer belästigt fühlen - weil Opfersein an sich uns beschämt. Unsere Scham beginnt dort, wo diejenigen, die uns zu Opfern machten, unser Opfersein leugneten. Diese Verleugnung ist ein Teil jenes Prozesses, in dessen Verlauf wir auf die Seite des Aggressors überwechseln. Und diese Scham - oder auch Schuld... - wird zusammen mit dem Opfersein von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Damit wird Macht als Grundprinzip unseres Seins dauerhaft etabliert." Arno gruen Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit", München, 2001 4 , S..102f.

17 Walter Leo Preußen. Mit dem Stock lieben", Berlin, 1993, S.140

18 Brockhaus, CD-ROM-Edition, 1999

19 Franz Mehring, a.a.O., S. 121

20 Alice Miller Der gemiedene Schlüssel", Frankfurt am Main, 1991, S.160

21 A.a.O., S.161

22 Arno Gruen, a.a.O., S.274f

23 Arno Gruen, a.a.O., S.277

24 Dies ist ein Ausschnitt aus dem Protesttext des evangelischen Pfarrers Walter Hochstädter, den er im Juni/Juli 1944 1000-fach hatte drucken lassen und den er in Feldpostbriefen verschickte. Aus: Walter Gerlach Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden", Berlin, 1987, S.372

25 Alice Miller Am Anfang war Erziehung", Frankfurt am Main, 1980 1 , S.29

26 Die glückliche Kindheit" ist eine geradezu obligatorische Phrase der Biographen, die damit selbst bei Diktatoren und Massenmördern eine Erklärung und ein Verständnis ihres Werdegangs und ihrer Taten behindern oder meist sogar unmöglich machen. Alice Miller hat einmal zwischen den Zeilen bekannter Hitler- Biografien gelesen und seinen Werdegang etwas kritischer rekonstruiert, als es sonst geschieht. A.a.O., S.169-231

27 Ländliche Akademie Krummhörn Achter kolle Müren. Beiträge zur Hexenverfolgung", 2002

28 www.forum-holocaust-mahnmal.de/index.html > Martin Luther

29 Diesen Begriff habe ich dem gleichnamigen Aufsatz von Professor Robert Michael, University of Masschusetts, auf der homepage eines Holocaust-Überlebenden entnommen:

http://users.systec.com/kimel > 2. Fighting Antisemitism > Blueprint for the Holocaust

30 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, 53. Band, Weimar, 1920, S.600f. ( Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi")

31 Siehe dazu eine knappe, aber dennoch ziemlich umfassende und ehrliche christliche Darstellung der Evangelischen Marienschwesternschaft" mit dem Titel Die Schuld der Christenheit am Volk der Juden" unter www.kanaan.org/Germany/Germany.htm

32 Matthäus, 27,25

33 Für die sieben Vorschäge" siehe D. Martin Luthers Werke..., Bd.53, S.523 ff. (im Traktat Von den Juden und ihren Lügen", S. 412 - 552)

Eine kurze, völlig unvollständige Übersicht über Internet-Adressen zum Thema:

http://users.systec.com/kimel > 2. Fighting Antisemitism > Blueprint for the Holocaust

www.forum-holocaust-mahnmal.de/index.html > Martin Luther

www.kanaan.org/Germany/Germany.htm

In der EKD-Denkschrift Nr.144, 2000, zu finden unter www.ekd.de/EKD-Texte, Abschnitt 3.3.1

www.theologe.de

34 http://users.systec.com/kimel > 2. Fighting Antisemitism > Blueprint for the Holocaust

35 Daniel Jonah Goldhagen Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust", Siedler Verlag, 1996, S. 75

36 EKD-Denkschrift Nr.144, 2000, zu finden unter www.ekd.de/EKD-Texte, Abschnitt 3.3.1

37 Nachum T. Gidal Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik", Gütersloh, 1988, S.83

38 A.a.O., S.85

39 http://users.systec.com/kimel > 2. Fighting Antisemitism > Blueprint for the Holocaust (Übersetzung ms)

40 Daniel Jonah Goldhagen , a.a.O., S.142

41 Daniel Jonah Goldhagen, a.a.O., S.88

42 Wer die Bundesrepublik betrachtet, durch deren relativ kurze Geschichte sich die Schändungen jüdischer Friedhöfe ziehen, wer die Umfragen, die den Antisemitismus der Bevölkerung untersuchen, kennt, wird dem zustimmen.

43 Hier attestiert auch der Brockhaus den Antisemiten wahnhafte Züge.

44 © 1999 Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG , Stichwort: Antisemitismus", Auszug