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Zebrastreifen vor "Glaspalast" Verbotsschild in der "Neuen Heimat", Emden




WO GEHT'S HIER, BITTE, ZUR NEUEN HEIMAT?

 

Einige ganz persönliche Bemerkungen zum sogenannten Ausländerproblem

 

 

Seit Jahr und Tag malen Politiker Horrorvisionen von Ausländerflut und Asylantenschwemme an die Wand, um davon abzulenken, daß in unsrem Land ständig neue Probleme entstehen, die im bisherigen Rahmen nicht gelöst werden können. Wenn ein Asylantenheim brennt, ein Ausländer ermordet, eine Gedenkstätte oder ein Friedhof geschändet wird, heucheln sie mit dürren Worten Entsetzen und verbreiten sich anschließend des längeren darüber, daß nun endlich der ungehemmte Zustrom von Flüchtlingen und Asylanten gebremst werden müsse. Und die Gewalttäter schreiten, so in ihren berechtigten Sorgen und Ängsten bestätigt, zum nächsten Verbrechen. Die Billigung durch die Bevölkerung - neuerdings auch von den Sozialdemokraten wieder zum Volk erhoben, zur deutschen Volksgemeinschaft ist's nicht mehr weit - die Billigung der Gewalttaten durch die einschlägige Bevölkerung nimmt ständig zu.

 

Der einzige wunde Punkt ist auch hier wieder das leidige Ausland. Deutschland ist sehr exportabhängig, und johlende Meuten vor brennenden Asylantenheimen wecken böse Erinnerungen im fernsehenden Ausland, das die deutschen Waren kaufen soll. Natürlich soll niemand auf die Idee kommen zu denken: wenn die Deutschen die Ausländer nicht leiden können, wenn Deutschland den Deutschen gehört, warum sollen die deutschen Waren nicht auch da bleiben, wo sie herkommen?

 

Auf diesen doch naheliegenden Gedanken soll niemand kommen, weil dies den wirtschaftlichen Niedergang des eben größer und stärker gewordenen Deutschland bedeuten könnte. Der Gedanke, daß die von Politikern und der Gesellschaft jahrelang hingenommene, von vielen gewollte Arbeitslosigkeit in einem Ausmaße zunehmen würde, das der Zivilisation in diesem Lande ein weiteres Mal ein brutales Ende setzen könnte, schreckt freilich nicht jeden.

 

Nach den Morden von Mölln plötzlich alles ganz anders: Razzien gegen Rechtsextremisten, die Bundesanwaltschaft schaltet sich nach 30 Morden erstmals ein, die Täter werden schnell gefaßt. Die wehrhafte Demokratie hat auf einmal ihr Gebiß aus dem Glas genommen und zeigt den Neonazis die Zähne.

 

Weshalb gerade jetzt dieser überstürzte Sinneswandel?

 

Nach den Morden von Mölln waren die ausländischen Zeitungen voll kritischer Berichte über die Gewalttaten gegen Ausländer in Deutschland, Vergleiche zwischen dem Kampf gegen den Terrorismus von links und dem Zusehen bei den Verbrechen von rechts wurden gezogen. Die rechten Mörder haben inzwischen längst mehr Opfer gefunden, aber diese waren keine prominenten, staatstragenden Personen, sondern nur Ausländer. All dies wurde im Ausland sehr kritisch bemerkt,in Deutschland fand es nur wenig Beachtung, und wenn, dann nur kurz.

 

Eines wurde den Regierenden trotzdem schnell klar: Wenn nicht bald etwas geschah,mußte der Export und damit der Industriestandort Deutschland in Gefahr geraten. Also entschied man sich zuzuschlagen, aus Opportunitätsgründen. Es war gespenstisch zuzusehen, wie das widerliche Politikergeschwätz von Asylantenflut und Ausländerschwemme abrupt stoppte, als wäre ein neuer Tagesbefehl ausgegeben worden.

 

Aber eine andere Vorstellung finde ich noch gespenstischer: wenn es möglich ist, diesen Spuk mit einer Handbewegung zu beenden, warum hat man es dann nicht früher getan? Wenn es möglich ist , diesen Spuk mit einer Handbewegung zu beenden, wie leicht wird es dann sein, ihn wieder beginnen zu lassen mit einem kurzen "Knüppel aus dem Sack"?

 

Und die vorübergehend ins Schweigen versetzte Mehrheit wird wieder mit großer Begeisterung Beifall klatschen und johlen. Wir haben nur eine Atempause, zur Sicherung des Exports.

 

Ich habe einige Zeit diese widerliche Entwicklung in unserem Lande mit Abscheu verfolgt. Ich beobachte seit langem, wie dieses Land unwirtlicher wird und kälter. Wenn in der Zukunft die Politiker die berechtigten Sorgen und Befürchtungen der Bevölkerung vermehrt und vergrößert haben werden, wird man diesen Sorgen und Befürchtungen eines Tages wieder weitere und bessere Möglichkeiten zum Abreagieren bieten müssen.

 

Dies sind sehr allgemeine Überlegungen, die jeder anstellen kann, der darüber nachdenkt, wie und mit wem man in diesem Land noch etwas an Menschlichkeit, an Zivilisation erhalten kann.

 

Auf einem Spielplatz in Neuenburg wurden mir aber schließlich Ausländerhaß und Rassismus ganz persönlich nahegebracht. Ich las auf dem steinernen Tischtennisbrett: Benjamin ist ein Scheiß-Polacke.

Scheiß-Polacke

 

Ich wurde während des Krieges in Oberschlesien geboren. Im Alter von 2 1/2 Jahren flohen meine Großmutter und Mutter mit mir Richtung Westen. Sie nahmen nur mit, was sie tragen konnten. Dem Tod in einem bombardierten Zug entgingen wir, weil ich die Ruhr hatte und wir nicht mitfahren konnten. Wir kamen nach Wiesbaden, und ich ging dort zur Schule. Ich heiße Skoruppa, und ich kann mich noch heute an das dämlich-mitleidige Grinsen und an die gewollt-komischen Zungenverrenkungen einiger Einheimischer erinnern, die mir das Gefühl vermitteln wollten, mein Name sei unaussprechlich und ich gehörte von Rechts wegen gar nicht hierher.

 

Natürlich wurde ich auch Polacke genannt. (Inzwischen tun die Politiker so, als sei die Integration der Flüchtlinge damals bestens gelungen. Davon kann keine Rede sein). Ich hatte noch 1970 anläßlich meiner 2. Staatsprüfung als Lehrer die Gelegenheit, den Rassismus eines Oberregierungs- und schulrats kennenzulernen, natürlich nicht so direkt, wie das heute in Hoyerswerda oder Rostock zu erfahren ist, nein, viel feiner und unterschwelliger.

 

Eines meiner Prüfungsfächer war Englisch. Ich war bis zu dieser Prüfungsstunde und auch wieder danach in Schule und Hochschule wegen meiner Aussprache nur gelobt worden. In einer Art Besprechung meiner Unterrichtsstunde, die ohne mich stattfand, bemängelte Herr Oberregierungs- und schulrat D. vor der Prüfungs-kommission meine Aussprache des englischen Wortes "ball". (Davon erfuhr ich nur inoffiziell, so daß ich mich nicht wehren konnte.) Ich spräche den L - Laut in "ball" so aus wie das polnische l mit dem Strich durch. Nun, genau mit diesem wird es im Lehrbuch der englischen Phonetik verglichen. Das wußte der nicht fachkundige Herr D. nicht, aber er kannte meinen polnischen Namen und hatte gedient, ich vermute mal, an der Ostfront. Klar, daß sich meine schlechte Aussprache auf meine Note auswirkte.

 

Es fällt mir schwer, mich als staatlich anerkannter Heimatvertriebener mit dem Ausweis A irgendwo zu Hause zu fühlen.

 

Hier in Ostfriesland habe ich dazu sowieso keine Chance. In dem Dorf, in dem ich wohne, zählt als Einheimischer nur, wer dort geboren ist und dessen Vorfahren dort geboren sind, schon aus dem Nachbardorf Zugezogene gehören eigentlich nicht dazu. Wenn ich nach Glubczyce (als ich dort geboren wurde, hieß es Leobschütz) ziehen würde, wäre ich ebenfalls fremd.

 

Was mir bleibt, ist: Leute beobachten, die eine Heimat haben. Wenige verhalten sich einladend. In Ostfriesland ist das aber auch wieder nicht so schlimm, weil ich hier immerhin als Deutscher, wenn auch als Hochdeutscher, angesehen werde. Es gibt 4 Sorten von Menschen: die im Dorf Geborenen (mit den dazugehörigen Vorfahren), die Plattsprecher, die Hochdeutschen und die Ausländer. Bei den Hochdeutschen wird nicht unterschieden, ob sie in Hannover, Oberschlesien oder Niederbayern geboren sind.

 

Ich beobachte auch hier aufkommenden Ausländerhaß, Angst vor "Überfremdung", was immer das sein mag. Einer will sich eine Pistole kaufen, wenn Asylanten in seine Straße ziehen, geht das Gerücht.

 

Merkwürdig ist ein in meinen Augen auffälliger Gegensatz. In den letzten 50, 60 Jahren sind im Dorf Veränderungen des gesamten wirtschaftlichen und sozialen Lebens vor sich gegangen, die nur als totaler Umsturz begriffen werden können. Aus Knechten und Landarbeitern, die von den Bauern völlig abhängig waren, wurden Fabrikarbeiter bei VW. Das Leben ist weitgehend aus dem Dorf verschwunden, Bauernhöfe verfallen oder werden zu teuren Billigwohnungen für Studenten umgebaut. Häuser stehen leer, Schulen und Geschäfte wurden geschlossen. Fast alle Treffpunkte der Bewohner wurden abgeschafft bei gleichzeitiger Einführung des Fernsehens. Die heutigen Schulkinder sprechen eine andere Sprache als ihre Eltern: Hochdeutsch. Der radikale und rapide "soziale Wandel", wie man das schönfärberisch nennt, hat der Bevölkerung ein Ausmaß an Entfremdung gebracht, das ich mir größer nicht vorstellen kann.

 

Aber wen trifft's oder wird's wahrscheinlich als Schuldigen treffen? Die Asylanten. Das ist schlicht absurd. Vaterlandsliebe ist der Haß auf die Vaterländer der anderen, hat sinngemäß Kurt Tucholsky gesagt. Ausländerhaß ist für viele die Rückseite der Heimatliebe.

 

Aber was ist Heimat heute? Bedeutet Heimat nicht für die meisten, daß die gleiche Kinderrutsche bei McDonalds in Emden und in Aurich an der gleichen Stelle steht, daß ich bei Aldi, egal in welchem Ort, den Multivitaminsaft am Eingang und die Kassetten an der Kasse finde? Bedeutet Heimat für Millionen von Deutschen im Urlaub im Ausland nicht, immer pünktlich die Bildzeitung zu bekommen und auf der Speisekarte ein Wiener Schnitzel vorzufinden? Nehmen sie ihre Heimat nicht mit, überfremden sie nicht die Ausländer?

 

Was gibt es noch an Heimat für einen heute 60jährigen Ostfriesen außer dem blauen Himmel mit den weißen Wolken, dem immerwehenden Wind und seinen Erinnerungen? Was ist vom Ostfriesland seiner Kindheit übrig?

 

Ich sehe nirgendwo Heimat, ich sehe nur wenige Möglichkeiten, an den umwälzenden wirtschaftlichen, technischen und sozialen Änderungen in unserem Land selbstbestimmt und Einfluß nehmend teilzuhaben.

 

Wenn die Veränderungen nicht über uns kämen, wenn wir darüber, wir alle, die hier wohnen, egal, woher wir kommen, entscheiden könnten, wenn wir die Zukunft an unserem Ort in die Hand nehmen könnten - dann könnten wir Heimat schaffen.